{"id":434,"date":"2023-06-15T07:38:41","date_gmt":"2023-06-15T05:38:41","guid":{"rendered":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/?p=434"},"modified":"2023-06-27T11:17:14","modified_gmt":"2023-06-27T09:17:14","slug":"nur-wenn-man-nach-draussen-geht-kann-ein-inklusives-leben-gelingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/2023\/06\/15\/nur-wenn-man-nach-draussen-geht-kann-ein-inklusives-leben-gelingen\/","title":{"rendered":"&#8222;Nur wenn man nach drau\u00dfen geht, kann ein inklusives Leben gelingen.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Foto: privat<\/p>\n<p><em>Frau Thumer, Sie wurden sehr jung bei einem Unfall, in dessen Folge die Beine amputiert werden mussten, verletzt. Wie hat sich der Unfall zugetragen?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich war beim Unfall im M\u00e4rz 1976 erst 15 Jahre alt und habe die sechste Klasse eines Oberstufengymnasiums besucht. Als Fahrsch\u00fclerin nutzte ich den Zug und war nie zuvor aufgesprungen. Weil ich einmal zu sp\u00e4t dran war, wollte ich es einfach versuchen. Der Zug war jedoch schon zu schnell und so geriet ich unter den letzten Waggon.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es folgten \u00fcber drei Monate im Krankenhaus und etwa sechs Monate im Rehabilitationszentrum. Meine Familie und Schulfreundinnen haben mich oft besucht und mich gut begleitet. Und es war klar, dass ich weiterhin in die Schule gehen wollte, auch wenn ich ein Jahr verloren habe. Ich war \u00fcberzeugt, dass ich mit Beinprothesen bald wieder fit sein w\u00fcrde. Dass sich der Alltag als beidseitig Beinamputierte doch m\u00fchsamer entwickelte, war bald sichtbare Realit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p><em>Wie lief die Erstversorgung ab?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich hatte das Gl\u00fcck, dass es einen Bahnhofsvorstand gab, der sofort die Rettungskette in Gang setzte. \u00a0Meine Beine waren zerquetscht und das Aufheben durch die Sanit\u00e4ter tat h\u00f6llisch weh. Ich war bei vollem Bewusstsein und auf der Fahrt ins Krankenhaus dachte ich, so stirbt man also und man kann sich nicht einmal verabschieden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Als ich aus der Narkose erwachte, hat mich der Primar \u00fcber die erfolgte Amputation beider Beine informiert. Er hat mir zugleich Hoffnung auf eine gute Prothesenversorgung gemacht; ich w\u00fcrde gen\u00fcgend Schmerzmittel bekommen und m\u00f6gliche Phantomschmerzen lie\u00dfen sich medizinisch gut behandeln.<\/strong><\/p>\n<p><em>Welche Ver\u00e4nderungen haben Sie im Lauf der Jahrzehnte im Hinblick auf die Prothesenversorgung beobachtet?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich wurde vier Monate nach der Amputation im Rehazentrum mit Interimsprothesen (= Probeprothesen) versorgt. Der erfahrene Prothesentechniker bem\u00fchte sich umsichtig. In der Gehschule ging es Schritt f\u00fcr Schritt vorw\u00e4rts. Ich hatte zwei gro\u00dfartige Therapeuten, die mir mit viel Geduld viel beibrachten mit Prothesen zu gehen. Zur Entlassung aus dem Rehazentrum bekam man damals neue Prothesen. Dies war f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Umstellung und mit neuerlichen Druckstellen an den St\u00fcmpfen sowie einem technisch hochwertigen Kniegelenk, das um einiges mehr wog, verbunden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich habe etwas sp\u00e4ter einen Holzschaft mit einem &#8211; damals \u00fcblichen Holzknie &#8211; ausprobiert. Die Qualit\u00e4t des Schaftes war super, f\u00fcr mich als junges M\u00e4dchen war dieser Schaft jedoch zu wuchtig, zumal mein Oberschenkelstumpf sehr lange ist und somit das Kniegelenk nach unten verlagert wird. Also habe ich mich wieder f\u00fcr den Gie\u00dfharzschaft entschieden. Die technische Entwicklung der Kniegelenke hat w\u00e4hrend meiner Zeit mit Prothesen (beinahe 50 Jahre) Riesenfortschritte gemacht. Derzeit bin ich mit einem Kenevo-Kniegelenk versorgt und damit zufrieden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Versorgung meines sehr kurzen und knochigen Unterschenkelstumpfes ist f\u00fcr jeden Prothesentechniker eine Herausforderung. Zun\u00e4chst wurde ich jahrelang mit Oberschaft (H\u00fclse, Manschette) versorgt. Dann wagte ein mutiger Prothesenmechaniker es, mir eine Kurzprothese anzufertigen. Und dar\u00fcber bin ich \u00e4u\u00dferst froh. Es folgte dann eine Umstellung auf Silikonstrumpf bzw. -liner, wobei sich dies jahrelang hinzog, weil die transplantierte Haut meines Unterschenkelstumpfes so sensibel reagierte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nicht zu vergessen ist die Gewichtszunahme. Ich habe drei Kinder bekommen und w\u00e4hrend einer Schwangerschaft ist eine optimale Prothesensituation von enormer Bedeutung. Die Prothesen sind mit meiner allm\u00e4hlichen Gewichtszunahme w\u00e4hrend des \u00c4lterwerdens mitgewachsen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Wir m\u00f6chten mit dem Projekt auch dazu beitragen, dass diverse Bed\u00fcrfnisse von Prothesentr\u00e4ger*innen ganz spezifisch gesehen und in weiterer Folge abgedeckt werden. Was w\u00e4ren Ihrerseits W\u00fcnsche an die Versorgung?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Meilenstein in der prothetischen Versorgung war der Silikonliner. Seit sich meine Haut dran gew\u00f6hnt hat, hatte ich am Unterschenkelstumpf keine blutenden Druckstellen mehr. Ein Problem ist jedoch der Schwei\u00df. Da braucht es unbedingt eine Weiterentwicklung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mit einer optimalen Stumpfl\u00e4nge lie\u00dfe sich die Prothesenversorgung leichter umsetzen. Mein langer Oberschenkelstumpf hat zwar den Vorteil, dass das Stumpfende gut belastbar ist, jedoch den Nachteil, dass der Prothesenschaft unnat\u00fcrlich lang wird und somit das Kniegelenk nach unten \u201erutscht\u201c. Der Unterschenkel muss nun k\u00fcrzer gebaut werden. Dadurch ist das Gangbild schwer beeintr\u00e4chtigt. Dennoch w\u00e4re f\u00fcr mich die nachtr\u00e4gliche K\u00fcrzung des Oberschenkelknochens aus optischen Gr\u00fcnden niemals eine Option gewesen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Wie setzen Sie Ihre Prothesen im Alltag ein?<\/em><\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend meiner Schulzeit habe ich drauf geachtet, die Prothesen nur stundenweise zu tragen. Als Berufst\u00e4tige waren durchschnittlich zw\u00f6lf bis sechzehn Stunden Tragedauer normal. Seit ich in Pension bin, genie\u00dfe ich das bewusste Anziehen der Prothesen und g\u00f6nne meinen beiden St\u00fcmpfen angemessen viel prothesenfreie Zeit.<\/strong><\/p>\n<p><em>Sie engagieren sich gerne bzw. haben sich immer stark in Vereinen und f\u00fcr Betroffene stark gemacht. Was sind Ihre wichtigsten Anliegen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Als frisch Amputierte hat es mir im Krankenhaus sehr geholfen, dass die Stationsschwester einen Besuch von einem beinamputierten Patienten und Prothesentr\u00e4ger erm\u00f6glicht hat. Ich habe seine Prothese anschauen und ihn \u00fcber seinen Alltag befragen k\u00f6nnen. Besonders beeindruckt hat mich jedoch eine Frau, die mir geschrieben hat. Sie war, wie ich, beidseitig beinamputiert, berufst\u00e4tig, fuhr Auto und hatte Familie. Ihr war es ein Anliegen, mir zu zeigen, dass man als amputierte Frau belastbar ist und durchaus ein \u201enormales Leben\u201c f\u00fchren kann.<\/strong><\/p>\n<p><strong>In der Selbsthilfegruppe &#8222;<a href=\"https:\/\/www.lebenmitamputation-steiermark.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leben mit Amputation<\/a>&#8220; ist es mir wichtig, als Ansprechperson f\u00fcr Betroffene und Angeh\u00f6rige erreichbar zu sein. Mit jemanden reden zu k\u00f6nnen, der wei\u00df, wie sich Phantom-, Stumpf-, Druckstellen- und Narbenschmerzen anf\u00fchlen, erleichtert und f\u00f6rdert die Gedanken, wie sich nun die Zukunft als amputierter Mensch aktiv gestalten l\u00e4sst. Der Austausch untereinander tut gut. Da tauchen z.B. Ideen auf, wie man realistische Ziele erreichen kann. Und man muss nach drau\u00dfen gehen und sich mit seiner Umwelt auseinandersetzen. Nur so kann inklusives Leben gelingen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Was ist Ihre Empfehlung an frisch Amputierte?<\/em><\/p>\n<p><strong>Wenn man als Jugendliche, wie ich, durch einen Unfall pl\u00f6tzlich beide Beine verliert, ist das sicherlich anders, als wenn man sich als reifer Mensch durch Erkrankung oder Verletzung mit einer Amputation auseinandersetzen muss.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich glaube, es ist hilfreich, auf die eigenen St\u00e4rken zu vertrauen und m\u00f6glichst rasch wieder aktiv zu werden. Dazu braucht es viel Vertrauen zum medizinischen und therapeutischen Personal. Ganz wichtig ist es, einen guten Prothesentechniker zu finden und das Material zu wechseln, wenn die Prothese oder der Schaft, etc. nicht passend sind.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Meiner Erfahrung nach braucht es etwa f\u00fcnf Jahre, bis man sich mit der neuen Situation als Amputierte*r identifiziert. Manche Herausforderungen schafft man sofort, andere l\u00f6st man erst beim zweiten Anlauf. Das Akzeptieren einen K\u00f6rperteil verloren zu haben und damit gut umzugehen, braucht Geduld und Ausdauer. Aber es lohnt sich!<\/strong><\/p>\n<p><em>Was hat Ihnen pers\u00f6nlich \u2013 mental oder physisch \u2013 am meisten geholfen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Zun\u00e4chst war f\u00fcr mich der famili\u00e4re R\u00fcckhalt und das entgegengebrachte Mitgef\u00fchl \u00e4u\u00dferst hilfreich. Das Personal im Krankenhaus und im Rehazentrum haben mich trotz meines jungen Alters ernst genommen und mir Zeit gelassen, selbst aktiv zu werden. Meine Ziele Ausbildung, Beruf, Auto, Familie, Sport konnte ich gro\u00dfteils umsetzen, weil ich immer wieder wunderbare Menschen getroffen habe, die mich unterst\u00fctzt haben. Die Lebensfreude und Zufriedenheit haben in meinem Leben einen hohen Stellenwert.<\/strong><\/p>\n<p><em>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Offenheit!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rosalia Thumer bekam als 15-J\u00e4hrige beide Beine amputiert. Sie spricht aus beinahe 50 Jahre langer Erfahrung mit Beinprothesen und hat sich damit in jeder Lebensphase gut organisiert.<\/p>\n","protected":false},"author":228,"featured_media":437,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[12,19],"class_list":["post-434","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-interview","tag-prothesen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/users\/228"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=434"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/434\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/media\/437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.fh-kaernten.at\/protea\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}